Erforschen von Höhlen

Die Riviera Maya wird gern das Mekka für Höhlentaucher genannt, doch selbst, wenn es hier mehrere Tausend Höhlen gibt und ein hoher Prozentsatz noch nicht entdeckt ist, ist es nicht leicht, im sprichwörtlichen Sinn in das Loch zu fallen. Am besten ist es tatsächlich, wenn man von den Grundstückbesitzern und Anwohnern einen Tip bekommt. Dies passierte mir in dieser Woche gleich zwei Mal.

Der erste Einstieg ist im Höhlensystem Ponderosa und bisher nicht bekannt. Ich werde dorthin in naher Zukunft wieder hinfahren und die Daten aufnehmen. Im Wasser habe ich die Höhlenleine gesehen, die durch diese Luftkuppel durchführt. Das Besondere und Interessante daran ist, dass bisher nicht bekannt war, dass hier ein Ausstieg besteht, weil die Öffnung sehr eng und versteckt ist und kein Tageslicht in die Höhle einfällt. Dennoch ist es ein Notaustieg, der – wenn auch ohne Ausrüstung – den Taucher in Not wieder an die Aussenwelt bringt.

Das grössere Potential liegt jedoch beim zweiten Tip und wird damit zugleich mein erstes Höhlenforschprojekt. Erst gestern kam der Verwalter des Grundstücks in die Tauchbasis und erkundigte sich, ob Interesse bestände, die Cenote auf seinem Grundstück anzusehen. Er beschrieb sie als gross und wenn er von der Oberfläche reinschaut, scheinen Tunnel wegzugehen. „Selbstverständlich“, sagte ich und dass ich sonntags frei hätte. Daher haben wir uns für den kommenden Tag verabredet und nachdem er das nachts um 11:00 Uhr noch bestätigt hat, stand dem nichts mehr im Weg. Ich war so angespannt und voller Freude, dass ich mehrmals in der Nacht aufgewacht bin.

Meine Sidemount- Tauchausrüstung ist komplett und für den Zweck genau richtig und für den ersten Tag, hatte ich auch keine weiteren Pläne, ausser die Cenote kennenzulernen, die GPS Daten zu nehmen und einen kurzen Checktauchgang zu machen.

Wir verabreden uns für 10:00 Uhr und pünktlich geht es los. Wir müssen nicht weit fahren und kreuzen einige neu angelegte Strassen auf den Weg zum Grundstück. Dort angekommen, führt er mich einen kurzen Weg vom Parkplatz zum kreisrunden Einsturz der Cenote. Der innere trockene Bereich ist mindestens 60m im Durchmesser und hat 4 wassergefüllte Einstiege, die es wert sind, zu begutachten. Es regnet leicht und wir sehen uns den vierten Einstieg an und plötzlich – ohne das agressive Summen zu hören, fühle ich einen Stich und instinktiv weiss ich, dass wir sofort weg müssen. Mir fällt nicht das passende spanische Wort ein, um zu sagen, dass Ricardo schnell den Weg frei machen muss und nicht mir helfend die Hand reichen muss. Schon stechen sie ihn auch und wir sind Autsch schreiend auf dem Rückzug. Das war knapp, jeder von uns hat 5-6 Stiche und ich denke mir nur, dass ich mich nicht zu sehr auf seine Ortskenntnisse hätte verlassen und mehr Vorsicht hätte walten lassen sollen. Es schmerzt, aber keiner von uns zeigt besonders starke allergische Reaktionen und diesen Einstieg werde ich ich nächster Zeit erstmal meiden.

Nachdem ich einen ersten Überblick habe, wird die Ausrüstung zum Einstieg gebracht. Was ein Luxus, nicht alles selbst tragen zu müsen, ich glaube Ricardo hat genauso viel Spass am Erforschen wie ich und er hilft gern. Nach den üblichen Ausrüstungschecks geht es langsam in Richtung Dunkelheit. Keine Leine zu sehen, also bringe ich eine Leine an der linken Wand an und bewege mich langsam vorwärts. Nach ca. 50 m endet dieser Raum und führt in einem engeren Tunnel weiter – sicherlich was für die Zukunft anzusehen, aber nicht der Haupttunnel, den ich zu finden hoffe. Also nach rechts weiter und langsam gewinne ich auch etwas Tiefe, eine weitere Sackgasse, nochmal zurück und in einer engen Kurve weiter nach rechts. Die Leine spult sich ab, die Höhle obwohl noch nie betaucht, ist stabil und hinter mir rieseln nur wenige Stückchen zum Boden, der Boden ist mir viel Sediment bedeckt, ich sehe einige Formationen und weiter geht es. Ich verlege 50, dann 100 m und komme langsam zum Ende der Leine. Dann sehe ich wieder Licht und weiss, es ist der andere Einstieg, inzwischen habe ich mit einer zweiten Spule die Leine verlängert. In diesem Eingangsbereich finde ich Knochen, Kieferteile, einige Zähne, Rippenknochen und einen grösseren hohlen Knochen, es sieht alles sehr alt aus.

Ich kann es nicht fassen, ich habe alles am ersten Tag. Nur keine Leine mehr. Die Höhle scheint weiterzugehen, aber nach ca. 30 min Tauchzeit stehe ich vor der Entscheidung, die installierte Leine wieder rauszunehmen und in den weiterführenden Tunnel zu verlegen oder den Rest des Tauchgangs zu geniessen, einige Fotos zu machen und mich am Nachmittag mit der Planung meines Projektes zu befassen. 150 m Leine ist nicht schlecht für das erste Mal, ich beschliesse sie drin zu lassen, selbst wenn ich sie das nächste Mal anders verlegen werde. Heute habe ich noch keine Daten unter Wasser aufgenommen, der Einstiegsbereich ist aus der Erinnerung skizziert und nun sitze ich mit dem Buch „Underwater Cave Survey“ von John Burge, habe mir schon die entsprechende Software zum Daten verarbeiten heruntergeladen und mit Quintana Roo Speleological Survey Kontakt aufgenommen. Ausserdem habe ich Trockenübungen mit einem Freund verabredet, welcher mir eine praktische Einweisung in die entsprechenden Protokolle geben wird.

Ich hoffe, dass ich die ganze Woche frei haben kann und die notwendige Reparatur an meinem Auto in einem Tag fertig ist und ich bald wieder in „meine“ Höhle gehen kann. Und ich hoffe, dass sie mir für viele Tage Grund geben wird, wieder zu ihr zurückzukommen. Hier werde ich lernen, wie ein ordentliches Erforschen mit entsprechender Vermessung und Skizzierung geschieht.

Christine
Höhlenforscher