Macht Tauchen in der Höhle sicherer.

Ok, ich muss das unbedingt mir von der Seele schreiben. Therapeutisches Schreiben für mich? Vielleicht, aber hoffentlich auch ein Anstoss an viele, die vielleicht schon mal in ähnlichen wie den beschriebenen Situationen waren oder sowas selber in Zukunft mal so geplant hätten.

Juli 2011
Ein zertifizierter Höhlentaucher, der in Urlaub hier ist und bisher wenig Erfahrung in Höhlentauchen hat und auch nur geringe Ortskenntnisse, nimmt einen Freund, der als PADI TecRec Instructor zertifiziert ist, auf einen 2-stündigen Höhlentauchgang nach Ponderosa. Dieser Freund ist das zweite Mal in Playa del Carmen und hat keine Höhlenausbildung. Am folgenden Tag gehen beide noch einmal Höhlentauchen, diesmal nach Grand Cenote. (01. und 02. Juli 2011)

Beide leihen ihre Tanks über einen ortsansässigen Höhlentauchlehrer. Der Vorfall wird mir bekannt, weil beide in der Vergangenheit mit mir getaucht sind und mit der Tauchschule assoziiert sind, bei der ich damalig gearbeitet habe.

Beide überleben.

Februar 2014
Eine als Intro-to-Caver zertifizierte Taucherin reist in einer Gruppe zertifizierter Höhlentaucher nach Mexiko und sie machen während ihres zwei-wöchigen Urlaubs täglich sehr komplexe Tauchgänge, die auch Navigation erfordern und die Taucherin taucht mit, weil die anderen ja die Jumps übernehmen.

Sie überlebt.

Im Dezember 2014 kommt diese Taucherin dann zurück, um ihren Höhlentauchschein zu vollenden und ich erfahre überdies mehr Details über ihre recht mangelhafte Intro-to-Cave Ausbildung.

Mai 2014
Fast identische Story, diesmal ein Intro-to-Cave zertifizierter Taucher, der mit einem zertifizierten Höhlentaucher komplexe Tauchgänge während ihres Urlaubs hier in Mexiko unternehmen.

Beide überleben.

Der Intro-to-cave Taucher nimmt seine Frau, die wie er als Rebreather-Taucher zertifiziert sind, auf Tauchgänge mit, die angeblich im Cavernbereich waren. Der Taucher hat keine weiteren Ortskenntnisse und kennt teilweise nicht einmal die entsprechenden Cavernleinen.

Beide überleben.

August 2014
Während der Ausbildung zum Höhlentaucher, entschliesst sich mein Student in Backmount zu einem Solotauchgang in Cenote Minotauro (diese Höhle hat keine Grotte). Seine saloppe Einstellung zu Sicherheitsfragen und andere Punkte (das wäre ein vollkommen neuer Blogbeitrag) sind der Grund, dass ich ihn nicht zertifiziere.

Er überlebt (auch meine Strafpredigt danach).

Februar 2015
Am Tauchplatz Grand Cenote komme ich mit zwei Tauchern ins Gespräch, die mich nach Tips für ihren zweiten Tauchgang fragen. Nach einem kleinen Kennenlernen, weise ich sie darauf hin, dass ein in Deutschland zertifizierter Cavern-taucher nicht darauf vorbereitet ist, von der Cavernleine einen Jump auf die Höhlenleine zu machen und darauffolgend einen Tauchgang strömungsaufwärts. Ich empfehle ihnen für den zweiten Tauchgang an der Cavernleine zu bleiben. Die Taucherin ist in der Vergangenheit schon mit Doppelgerät getaucht und wie gesagt zertifizierter Grottentaucher, ihr Freund als Höhlentaucher zertifiziert und auch Sporttauchlehrer. (18.02.2015)

Beide überleben.

Ich bekomme später die Gelegenheit, ihr den Intro-to-Cave Kurs zu unterrichten.

März 2016
Ein im Vorjahr als Höhlentaucher zertifizierter Taucher kommt wieder mit seiner Freundin; diese hatte im Vorjahr aus persönlichen Gründen (mir bekannt) auf eine Ausbildung zum Höhlentaucher verzichtet. Dieses Jahr nimmt der Höhlentaucher in Unkenntnis des Tauchplatzes und weil er Geld für einen Guide sparen wollte, sie in Sporttauchausrüstung auf einen Höhlentauchgang.

Beide überleben.

Während ich diese mir persönlich bekannten und in meinem Umfeld passierten Vorfälle, die ja alle keine Unfälle darstellen zusammenschreibe, fangen meine Hände das Zittern an. Mir ist schlecht und in meinem Kopf gehen all diese Gedanken quer rum. Hier manifestiere ich das schale Gefühl, welches ich bei jedem einzelnen dieser Vorfälle hatte; bei allen den mir gekannten Vorfällen habe ich reagiert und versucht, die Taucher von ihren Vorhaben abzuhalten und sie aufzuklären, welches Risiko sie eingehen und dass es das einfach nicht wert ist.

Es ist nichts in der Höhle, das es wert ist, es anzusehen und mit seinem Leben zu bezahlen.

Wenn wir die Unfallanlalysen ansehen, werden wir feststellen, dass Unfälle nicht passieren, weil die Höhlendecke einstürzt (meines Wissens nur zwei dokumentierte Unfälle von Explorern, die dadurch in der Höhle verstorben sind). Unfälle im Höhlentauchen passieren, weil man die seit vielen Jahren bekannten Ursachen, warum Unfälle passieren einfach ignoriert.

Grund Nummer EINS, warum Unfälle in der Höhle passieren ist, dass der Taucher keine formale Ausbildung im Höhlentauchen hatte, bzw. das Limit seiner Ausbildung überschreitet bzw. seine Fertigkeiten nicht aktuell gehalten hat, weil er nur sporadisch in der Höhle taucht.

All diese Faktoren sind bei den oben genannten Vorfällen vorhanden und nun frage ich meine Leser, wie lange sollen wir das aktzeptieren?

Hier geht es nicht darum, dass ich als Tauchlehrer oder ortsansässiger Guide mehr Geld verdienen will.

Hier geht es darum, dass ich vor Angst mir fast in die Hosen scheisse, weil mir selber persönlich nun schon so viele Vorfälle bekannt sind, dass es statistisch gesehen nur eine Frage der Zeit ist, bis der erste Taucher, den ich persönlich kenne (und vielleicht sogar trainiert habe) tödlich in der Höhle verunglückt oder selber an einem Unfall in unseren Höhlen hier beteiligt ist.

Liebe Leute, das ist keine Schwarzmalerei, im selben Zeitraum sind alleine hier in der Riviera Maya mehrere tödliche Unfälle im Cavernbereich passiert:
* Schnorchler (ohne Freitauchausbildung) in Dos Ojos beim Versuch des Durchtauchens von West nach Ost ertrunken
* Chac Mool Cavernguide mit zwei Sporttauchern offline in die Höhle und alle drei tot
* Kalimba, Höhlentaucher, solo dive – tot
* Schnorchler Mayan Blue – in den Überhang getaucht – tot
* Dos Ojos – Cavern Solo in Sporttauchausrüstung – tot
* Cenote Muchacho – Höhlentaucher mit medizinischer Vorgeschichte nach Trennung von der Gruppe und durch daraus resultierendem Stress an Land verstorben
* Calavera, Cavernguide verliert 3. Taucher der Gruppe, der später im Höhlenbereich gefunden wird – tot
* Touristin mit ihrem Schnorchelguide beim Schnorcheln ausserhalb der Öffnungszeiten der Cenote tödlich verunglückt (wegen Dunkelheit?)

Ich würde mir wünschen, dass dieser Beitrag überall geteilt wird und diskutiert wird und bitte sagt mir eure Meinung dazu, die Diskussion ist eröffnet und ihr könnt mir gern eine private Nachricht an Christine Loew schicken

Macht Tauchen in der Höhle sicherer. Macht mit.

Christine

(Beitrag wurde editiert und ein Vorfall und ein weiterer Unfall hinzugefügt.)

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